Herrngras

Naturjuwel in Moosbrunn

Das Herrngras bei Moosbrunn ist der letzte Rest der einst ausgedehnten Feuchtwiesen und Flachmoore der „Feuchten Ebene“ im Wiener Becken. Hier tritt großflächig kaltes, kalkhaltiges Grundwasser aus den Schottern im Untergrund des Wiener Beckens an die Oberfläche. Zahlreiche kleine Bäche und Wassergräben durchziehen das Moorgebiet. Vom Frühling bis Herbst blühen Raritäten wie Sumpf-Knabenkraut, Sibirische Schwertlile, Feuchtwiesen-Prachtnelke, Duft-Lauch, Kanten-Lauch, Sumpf-Gladiole oder Lungen-Enzian, die sonst im Wiener Becken kaum mehr zu finden sind. In den Wassergräben leben Biber, Dreistachelige Stichlinge, Hundsfische und vom Aussterben bedrohte, winzige endemische Quellschnecken. Brachen, also nur ab und zu gemähte und nach Bedarf entbuschte Pfeifengraswiesen, sind die Heimat des Moor-Wiesenvögelchens, einer Schmetterlingsart, die außer in Moosbrunn österreichweit sonst nur an einem einzigen Standort in Vorarlberg nachgewiesen wurde.

Ab 1860 wurde in den Mooren Torf als Heizmaterial für die Moosbrunner Glasfabrik abgebaut, nach dem Ende des Abbaus und der Schließung der Fabrik entwickelten sich wieder artenreiche Feuchtwiesen. In den 1950er Jahren kaufte der ORF das Gebiet. Auf den nassen Wiesen wurden Kurzwellensender errichtet, mit denen österreichische Radioprogramme in die ganze Welt übertragen wurden. Nicht zuletzt dadurch blieben die Feuchtwiesen und Moore bis heute erhalten, da diese Sender auf nassen Böden besonders gut funktionieren. Erst in den letzten Jahrzehnten wurde der einzigartige Wert als Naturgebiet erkannt. 

Als einer der absoluten Hotspots der Biologischen Vielfalt in Österreich ist das Herrngras heute Teil des Natura2000 Gebietes Feuchte Ebene-Leithaauen und muss besonders geschützt und erhalten werden. Dort, wo es für die immer größeren und stärkeren Traktoren zu sumpfig ist, breitete sich seit den 1970er Jahren Schilf auf ungemähten Flächen aus. Dichtes Schilf verdrängt die besonderen Pflanzen und Tiere und bildet eintönige, artenarme "Dschungel".

Seit Jänner 2020 setzen wir Maßnahmen, mit denen das insgesamt 580.000 m² große Gebiet ökologisch wieder verbessert wird. Bei unseren Pflegemaßnahmen handelt es sich um die ersten grösseren Naturschutz-Maßnahmen auf den betreffenden Flächen im Herrngras seit Jahrzehnten. Sie ergänzen die davor über die NÖ Schutzgebietsbetreuung unter fachlicher Leitung von Norbert Sauberer durchgeführten kleinflächigen und mosaikartigen Mahd-Maßnahmen zur Förderung des Moor-Wiesenvögelchens. Ab 2020 wurde das Schilf mit finanzieller Unterstützung der REWE-Stiftung "Blühendes Österreich" durch eine ferngesteuerten Mulchraupe der Firma Kreitl gemulcht und zerkleinert. Nachfolgend wird jährlich regelmäßig mit dem Balkenmäher gemäht und das Mähgut zusammengerecht und mühsam händisch entfernt. So entstehen aus eintönigen Schilfflächen wieder bunt blühende Feuchtwiesen.

Mit 2023 wurde ein weiterer großer Schritt für diese artenreichen Niedermoore und Feuchtwiesen gesetzt. Im Rahmen des Biodiversitätsfondprojektes „Wiederherstellung der Lebensräume seltener und gefährdeter Arten im Niedermoor-Gebiet Herrngras“ , finanziert durch die Europäische Union – NextGenerationEU und BMK, werden weitere Flächen mit der ferngesteuerten Mulchraupe wiederhergestellt. In Zukunft können damit noch mehr aktuell bereits stark verschilfte Bereiche durch regelmäßige Mahd mit Balkenmäher und Freischneider – unterstützt durch viele Freiwillige – weiter verbessert und die Bestände der besonderen Pflanzen und Tiere gesichert und vermehrt werden.

Fakten
  • Niederösterreich
  • Moosbrunn
  • ORS
  • 580000 m²
  • Feuchtwiese
  • 18
Ansicht
Blick über das Herrngras in Moosbrunn.

Impressionen

Das Moor-Wiesenvögelchen (Coenonympha oedippus)

Moor-Wiesenvögelchen

Das Moor-Wiesenvögelchen (Coenonympha oedippus) ist der seltenste Tagfalter Österreichs. Abgesehen vom kleinen Vorkommen in Moosbrunn konnte es nur an einem einzigen weiteren Standort in Vorarlberg nachgewiesen werden. Es bewohnt Niedermoore mit Pfeifengraswiesen, ein noch vor einigen Jahrzehnten im Wiener Becken relativ weit verbreiteter Wiesentyp. Raupenfutterpflanzen sind verschiedene Gräser und Sauergräser. Mit dem Rückgang der Feuchtwiesen durch Entwässerung und Ackernutzung oder Zuwachsen mit Schilf verlor das Moor-Wiesenvögelchen seine Lebensräume. Die Maßnahmen im Herrngras sollen den kleinen Bestand des orange-braunen Schmetterlings mit den auffällig positionierten Augenflecken in den nächsten Jahren erhalten und wieder vergrößern.

Sumpf-Gladiole

Wunderschön, aber stark gefährdet ist die Sumpf-Gladiole (Gladiolus palustris), eine Pflanze feuchter Lebensräume. An den wenigen Orten, wo sie in Wien und Niederösterreich in Flachmooren und nassen Pfeifengraswiesen noch vorkommt, sind ihre purpurfarbenen Blüten nicht zu übersehen. Für die Erhaltung der vom Aussterben bedrohten Art ist es wichtig, dass die Flachmoore oder Wiesen einmal jährlich erst ab Ende August gemäht werden, damit die Samen ausreifen können und die nur wenige Zentimeter kleinen, grasartigen Jungpflanzen im nächsten Jahr genügend Licht haben. Im Herrngras zeigte sich der Erfolg unserer Pflege auf einer zuvor stark verschilften Fläche bereits nach zwei Jahren: der Bestand an blühenden Pflanzen stieg von 73 vor Beginn der Pflege auf 684 im zweiten Jahr nach Beginn der Pflege an.

Die Sumpf-Gladiole (Gladiolus palustris)